16/02/2022  20:50:46

Triggerwarnung: Schwierige Geburtserfahrung.
Bitte lies diesen Bericht nur, wenn du dich gut fühlst.

Ich möchte mit diesem Bericht keine Ängste schüren,
keine Klinik an den Pranger stelllen,
keine Klinikgeburten im Allgemeinen verteufeln,
sondern hier offen über meine persönlichen Erfahrungen sprechen können.

 

Während der erratene Termin immer näher rückte, wurde ich innerlich ruhiger.
Es gab für uns keine erkennbaren Hürden mehr:
Der Geburtspool war aufgebaut
Alle Utensilien für die Hebamme waren in einem Kistchen zusammen getragen
Das Kinderzimmer war vorbereitet
und wir waren auch bereit

Bei einem Frauenarzttermin & Tasten des Muttermunds 2 Wochen vor ET wurde
(absichtlich oder unabsichtlich) etwas manipuliert und ich hatte ziemliche Blutungen
und mehrere Tage Wehen, welche auch auf dem CTG deutlich sichtbar waren.
Anfangs war ich etwas überrumpelt und dann in freudiger
Erwartung auf die anstehende Geburt.
Doch dann passierte plötzlich nichts mehr weiter. Die Wehen ließen nach und die
Blutungen versiegten.

Auch in Woche 41+0 waren alle Anzeichen auf eine herannahende Geburt weg.
Mein Frauenarzt überredete mich zu einem letzten Ultraschall, um die Plazenta
und die Größe des Babys zu kontrollieren:
Er schallte, schaute verwundert und sagte:
„Oh, sie hatten wohl die letzten Wochen
doch recht.
Ihr Kind hat ca. 5kg und sie müssen in die Klinik. Vermutlich wird heute

noch ein Kaiserschnitt gemacht. Haben sie noch Fragen?“
1000 Fragen hatte ich, sie folgen mir wie einzelne Wortfetzen & Bildausschnitte im
Kopf herum, aber sie fanden den Weg zu meiner Zunge nicht…

Also verabschiedete mich der Arzt mit einem „Viel Glück“
und einem Überweisungsschein in die Klinik.

Wir suchten uns ein Krankenhaus mit Familienzimmer, dass auch während Corona
genutzt werden konnte.
Und allein darüber was uns dort wegen Corona Richtlinien und
Personalmangel alles erwartete, könnte ich ein Buch schreiben…
Letztendlich wurde mein Sohn auf 4,5kg geschätzt und uns wurde die Sectio
nahe gelegt.
Nach einer Nacht Bedenkzeit zuhause, mehr wollten sie uns nicht zugestehen,
entschieden wir uns für eine Einleitung der Geburt.

(Es prasselten so viele Sorgen, Gefühle & Infos auf mich ein, so dass ich ab jetzt
nicht mehr jedes Details aufzählen kann.)

Nach insgesamt 3 Gaben Einleitungsgel starteten am Morgen starke Wehen
aus dem Nichts. Mein Partner & ich waren allein im Kreißsaal und völlig
überfordert und irgendwie auch hilflos an das CTG angeschlossen.
Er war jede mögliche Sekunde an meiner Seite, aber auch für ihn haben
sich irgendwann die Eregnisse überschlagen.


Ich selbst hatte mich zwar mit „der friedlichen Geburt“ gut vorbereitet gefühlt,
aber in diesem
Moment war ich absolut nicht darauf gefasst wie heftig Wehen einsetzen können.
Nach einer gefühlten Ewigkeit brachte uns eine uns bekannte Hebamme vom Vortag,
in einen anderen KRS. Diese Hebamme wusste von meiner eigentlich geplanten
Wassergeburt zuhause und lies mir eine Wanne mit Lavendelöl ein. Sogar in
dieser Wanne musste ich das nervige Band mit CTG tragen.
Ich konnte mich wenige bewegen, denn ständig leiteten die Herztöne nicht richtig ab.
Aber wenigstens durfte ich etwas essen & in der Wanne waren die Wehen gut zu managen.
Es kam der Moment, an dem ich die Wanne verlassen musste, für eine Untersuchung und
„weil ich sonst ja noch Schwimmhäute bekäme ehe mein Kind auf der Welt wäre.“

Die Schmerzen wurden wieder unerträglich und ich hatte schon seit 8h Wehen,
Wehen von denen ich gelernt hatte, sie anzunehmen, sie als Wellen zu bezeichnen,
wie ein Surfer auf den Wellen zu reiten.
Ich wollte mir vorstellen wie die Wellen
mich und mein Baby immer näher zueinander brachten.
Ich wollte den Schmerz annehmen…

Aber ich konnte nicht, ich ging langsam unter, mit jeder Welle ein Stückchen weiter…

Mir fehlte Verständnis, Halt und eine liebevolle, kontinuierliche Begleitung von den Hebammen.
(Und das, obwohl die zuständige Hebamme zu jeder Zeit ihr bestmögliches in dieser Situation,
zu dieser Zeit, in dieser Klinik gegeben hat & dafür bin ich ihr bis heute dankbar.)

Aber trotzdem fühlte ich mich gefangen,
wie eine Marionette in einer Folge aus Maßnahmen,
Lagerungen, Besprechungen und Untersuchungen und das alles,
obwohl es MEINE Geburt sein sollte.
Es gelang mir nicht klare Gedanken oder Worte zu fassen.
Ich hatte bereits aufgegeben und
mich somit komplett in die Hände des Personals.
Die Hebamme tastete nach dem Muttermund:
„Fast 10cm und Oh, da ist die Fruchtblase
geplatzt.“
(…oder geplatzt worden?!…)

Ich willigte einer PDA ein, lag nur noch bewegungsunfähig und erschöpft auf dem Rücken,
spürte das mein Baby nicht perfekt liegt, vermutlich hätte ich mich viel mehr bewegen müssen,
aber stattdessen schlief ich komplett erschöpft ein.

 

Nach 5 Stunden „Geburtsstillstand“ folgte ein Chefarztgespräch und die Wahl sollte fallen
zwischen
Möglichkeit 1: Beschleunigung der Geburt mit eventueller Saugglockengeburt bei Stress

des Kindes
oder
Möglichkeit 2: Der Kaiserschnitt, den wir jetzt entspannt durchführen könnten.

An dieser Stelle möchte ich auch nicht unerwähnt lassen, dass mein Sohn an einem Freitagabend
um 22:06 geboren ist.

(…zum Thema Klinikalltag und Personalmangel…)

Direkt nach dem Kaiserschnitt kamen wir auf die Wochenbettstation und nicht wie üblich
nochmal für 2 Stunden in den Kreißsaal zur Überwachung und zum Kennenlernen und Kuscheln.
Ich fühlte mich nicht als frischgebackene Mama, sondern als eine Frau, die entbunden wurde.
Nachdem ich fertig genäht war, traf ich Papa, Baby und Hebamme im Gang.
Mein Sohn war fertig gewaschen und angezogen in den Armen seines Papas als ich ihn das erste
Mal bewusst wahrnehmen konnte.
Für mich fehlen bis heute entscheidende Momente mit meinem Kind, die ich verpasst habe und
nicht mehr zurückbekomme…

 

Vielleicht hast du beim Lesen meiner Zeilen noch offene Fragen?
Stelle sie mir gerne in den Kommentaren.
Folgende Fragen werde ich in weiteren Blogeinträgen noch klären:

Warum war diese Geburt für mich so dramatisch, obwohl mein Kind doch gesund ist?
Wie habe ich die Schwangerschaft, Geburt & Wochenbett als hochsensible Frau erlebt?
Wie erkennt man überhaupt ein Trauma und ist das überhaupt wichtig?
Welche Auswirkungen hatte die Geburt auf die folgenden Tage in der Klinik
und das Wochenbett zuhause?
Was hat mir in den folgenden Wochen und Monaten besonders geholfen?

Und vielleicht schreibe ich mal einen Vergleich zwischen meiner gewünschten Hausgeburt & dem
Erleben des Kaiserschnitts in der Klinik.

Bis bald,

Namaste